MATE, Cinnamon, gnome-shell sind kein anderes Wort für Gnome 3

Wenn man in die Rolle eines Bloggers schlüpft, muss man zwangsläufig der Versuchung widerstehen zu jedem topaktuellen IT-Trend seinen eigenen Senf dazuzugeben. Nun ist es nicht unwahr, wenn ich hier schreibe, dass ich Gnome 3 mit Debian Testing benutze und damit absolut zufrieden bin, nachdem ich mit Hilfe einer kleinen Erweiterung es geschafft habe einen Ausschalt-Knopf für mein Gnome 3 zu finden.

Das Problem ist nur, es gibt schon mehr als genug Blogs, die sich der gleichen Thematik angenommen haben und natürlich hat jedes einzelne davon eine einzigartige und unverwechselbare Meinung.

Während also mein Gnome so dahinwerkelte und ich keinen Grund sah meine überschäumende Freude der ganzen Welt mitzuteilen, dreht sich die Scheibe natürlich weiter. Ich könnte an dieser Stelle eine differenzierte Meinung zum Thema abgeben, aber wie viel einfacher ist es doch zu sagen: “Gnome 3 ist so toll, Gnome 3 ist so unglaublich schlecht.”

Anfang letzter Woche fasste ein Artikel auf picomol.de die Lage kurz zusammen, präsentierte exemplarisch Fanboys und Hasser von Gnome 3 und zeichnete das aktuelle Angebot an Gnome-3-Geschmacksrichtungen nach. Ich hinterließ einen längeren Kommentar und dachte noch etwas über die aktuelle Situation nach.

Auf den Punkt gebracht, es gibt genau zwei Gruppen von Nutzern Freier Software. Die eine Gruppe ist schweigsam und zurückhaltend. Wenn etwas gefällt wird es dankend angenommen und benutzt, ist es unpassend oder gar fehlerhaft wird kein großer Aufwand darum gemacht, man wechselt die Desktopumgebung, tauscht das Programm aus, man schreibt einen Fehlerbericht. In der Regel hört man nichts von diesen Benutzern. Sie bleiben im Hintergrund.

Der andere Teil ist oft laut, teilweise oft bis zur Schmerzgrenze. Sie haben erkannt, dass die Welt nach Empörung lechzt, egal wie lächerlich das Ganze ist. Der Kollege eines Schwagers einer Freundin hat gehört, dass Mark Shuttleworth von Bill Gates eine signierte Windows-DVD geschenkt bekommen hat. Das Ende von Linux?

Egal welche extreme Meinung man sich zu eigen macht, wichtig ist nur, dass sie polarisiert. Schließlich berichten wir ja nur objektiv, niemals subjektiv, ein ausgewogener Bericht ist unser höchstes Ziel.

Um was ging es hier eigentlich noch mal? Ach ja, Gnome 3 ist böse und eine Vielzahl von Begriffen trägt dazu noch zur Verwirrung bei.

Nun da wäre MATE, der Versuch Gnome 2 in die Zukunft zu retten. Das Problem an MATE ist leider, dass hier lediglich versucht wird die alten Gnome-2-Anwendungen mit GTK3 aber ohne neue Funktionen weiterzuführen. Das geht sicher für ein paar Monate gut, doch selbst der eingefleischteste Gnome-2-Klassik-Benutzer möchte irgendwann Sicherheitslücken ausgebessert bekommen und ein paar aktuelle Feature und Neuerungen wären sicherlich auch nicht schlecht.

In Anbetracht, dass MATE seit sieben Monaten für interessierte Kreise verfügbar ist, aber noch keine Hauptdistribution sie wirklich offensiv vermarket hat, glaube ich auch nicht wirklich an eine Zukunft von MATE.

Das heißt natürlich nicht, dass es keine Linuxdistribution gibt, die neue Wege propagieren würde. Manch einer hat sicher schon von Linux Mint gehört. Neben MATE hatte ich auch die Mint Gnome Shell Extension (MGSE) vor einer Weile vorgestellt. Seit Wochen können informierte Linuxbenutzer nun auch lesen, dass Linux Mint diese Idee weiterentwickelt und Cinnamon ins Leben gerufen hat.

Was das mit Zimt zu tun hat? Keine Ahnung, aber es ist auf jeden Fall da. Was genau ist Cinnamon? Im Prinzip soll Cinnamon die Metamorphose von einem angeblich untauglichen Gnome-3-Desktop zu einem benutzbaren sein. Die Gnome-Shell wird aufgebohrt, der Fenstermanager Mutter wird zu Muffin, das alte Gnome-2-Gefühl bleibt erhalten.

Schon steht das Wort “Fork” im Raum. Linux Mint spaltet Gnome 3. Alles neu, alles toll? Ich denke, hier wird der Begriff der Abspaltung einfach falsch benutzt. So wichtig und auch selbstverständlich “forks” in einer Freien Softwarewelt sind, hier wird nicht Gnome 3 neu entdeckt, sondern die gnome-shell und der Fenstermanager Mutter an die eigenen Vorstellungen angepasst.

Cinnamon ist deswegen erst einmal das Aushängeschild von Linux Mint. Gnome 3 wird nicht verändert, ist auch nicht tot. Es wird lediglich ein Teil von Gnome 3 an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Ja, das ist gut! Aber es heißt auch nicht, dass Cinnamon das bessere Gnome 3 ist.

Ich kann mir vorstellen, dass der Text für alle außer langjährige Linuxbenutzer ziemlich verwirrend gewesen ist. Wer neu ist im Club sollte Gnome 3 unvoreingenommen ausprobieren und sich nach eingehender Prüfung bei Nichtgefallen für eine andere Desktopumgebung entscheiden.

Gnome 3 ist mehr als nur eine Oberfläche. Leider wird das von nur wenigen Seiten auch offensiv vermarktet. Open Source, Freie Software ist genauso wie Demokratie ganz schön anstrengend, da man nichts diktiert bekommt und immer mitdenken muss. Gnome 3 ist weit mehr als nur die Summe seiner Teile. Es sind nicht die bösen Politiker. Jeder Bürger kann Politiker sein. Es sind auch nicht die bösen Gnome 3 Entwickler. Jeder kann Entwickler sein. Freie Software ist eine Mitmachgesellschaft und keine Diktatur.

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7 Kommentare zu MATE, Cinnamon, gnome-shell sind kein anderes Wort für Gnome 3

  • Marlon

    Hi apo,
    ein schöner und vor allem sachlich geschriebener Artikel der es schafft in unserer reißerischen Welt auf dem Teppich zu bleiben. Ich gehöre zwar auch zu denen die Gnome3 nicht mögen, aber da es Leute gibt, die es gut finden, hat es seine Existenzberechtigung und ich bin zu XFCE und LXDE gewechselt. Mir persönlich geht auch das ganze Unity-Geflame tierisch auf die Nerven, da der jeweilige Flamer meint alle vertreten zu können und nur seine Meinung zählt.
    Zum Abschluss möchte ich noch sagen, dass es wirklich erstaunlich ist wie sehr das unserer “demokratischen Diskussionskultur” (wie man das definiert und bewertet möchte bitte jeder selbst entscheiden) ähnelt, da es auch in dieser so ist, dass der, der am lautesten brüllt die meiste Aufmerksamkeit (und um die geht es hier ja auch) bekommt.
    Grüße
    Marlon

  • apo

    Hi Marlon,

    danke für deinen Kommentar. Ich hätte noch dazu schreiben sollen, dass Gnome 3 bei mir eben auch nur eine von vielen Oberflächen ist. In der Regel benutze ich wesentlich häufiger Openbox. Wenn ich Flexibilität haben möchte, greife ich auf einen Fenstermanager zurück. Deswegen verstehe ich die Leute auch immer nicht, die scheinbar eine eierlegende Wollmilchsau als Desktopumgebung haben wollen, die beliebig anpassbar und leichtgewichtig ist aber gleichzeitig auch alles vorinstalliert hat. Soll aber nicht heißen, dass Gnome 3 in Sachen Konfigurationsmöglichkeiten keinen Nachholbedarf hätte.

  • woby

    Wichtig an freier Software: sie bleibt frei!
    Des weiteren: gern schlucke ich manchen “bug” – in der Bescheidung liegt der Meister ;-)
    Und: Auf die wirklich wichtigen Funktionen musste ich noch nie verzichten.
    (Selbst bei exotischer Hardware…)
    Als Letztes:
    Wo bleibt eigentlich der Respekt vor der Leistung der Entwickler?
    Diese Welt wird an grenzenloser “Ich”-Sucht zerbrechen ;-)

  • Sehr guter Artikel. Würde compiz vernünftig mit gnome3 laufen, wäre ich sofort dabei. Peinlich, ich weiß ;-) . Aber man mag es kaum glauben, Cube, Expo, Vorschaubilder usw. erleichtern mir täglich die Arbeit.

  • apo

    Danke sehr. Bei dem Cube muss ich ehrlich sagen, dass ich ihn früher nur aus Spaß installiert hatte. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass irgendwann jemand eine ähnliche Funktion mal für Mutter programmiert. Überraschen würde mich das bei Linux nicht, wo es ja oft für eine Idee mehrere Lösungen gibt. :)

  • Oscar alias xpenguin

    Wenn du mir sagst, wie ich in die so vielgepriesene “GNOME”-Shell ein schönes, dunkles Thema wie z.B. “Blue Joy” hineinkriege, und nicht nur die “Zier”-Leisten der Themes, die im “GNOME”-Tweak-Tool hochtrabend als Themes bezeichnet werden; wenn du mir weiterhin sagst, wie ich, falls dir zur ersten Frage keine Lösung einfällt, ein anderes Thema farblich gestalten kann, wie das nicht nur in GNOME 2, sondern auch im winzigen LXDE problemlos möglich ist, oder wie ich dann wenigstens .tar.gz-Themes hineinladen kann, was ja dieses Tweak-Tool auch nicht kann; wenn du mir außerdem noch sagst, wie ich in diesem gnomeähnlichen Desktop die eine verbliebene Leiste und den Hintergrund als Träger von Applets nutzen kann, um nicht wegen jeden Mistes das Menü durchwühlen zu müssen, was ohne “Fallback-Modus” ja ohnehin nicht leicht ist – ja dann könnte auch ich dir zustimmen. So aber ist diese vielgerühmte “GNOME”-Shell nichts als ein Pseudo-GNOME, das für einen bisherigen GNOME 2.30-Nutzer eine deutliche Verschlechterung sowohl der Konfigurierbarkeit als auch der Bedienbarkeit darstellt. Du meinst, das sei nicht so schlimm, weil ja jeder Entwickler sein könne und sich also mit Konsolen-Kürzel-Kauderwelsch seinen eigenen Desktop schaffen könne, wie man es bisher viel leichter mit gnome-appearance-properties gemacht hat. Falls du weißt, was man dazu in die Konsole schreiben müßte, freue dich. 98 % der User sind dazu aber nicht in der Lage. Man kann sich natürlich auch irgendwelche “Extensions” irgendwo im Netz zusammensuchen, um die Shell auch nur halb so konfigurierbar zu machen, wie es die “alte” war… Halt! Hatten wir soetwas nicht schon einmal? Ach ja, das hieß doch “Windows”, irgendwas zwischen DOS und 98 oder so ähnlich! “GNOME” 3 als Rückschritt zu empfinden und eben nicht als Fortschritt hat mit “Geschmacksfrage” nichts zu tun. War es nicht bisher einer der Vorzüge von Linux gegenüber Win und Mac, daß man sich den Desktop so gestalten konnte, wie man ihn selbst mochte? Jetzt kann man ihn eher so gestalten, wie ihn die Macher mögen. Irgendwo habe ich vorhin die Behauptung gelesen, daß GNOME 2 so etwas wie ein Einheitsbrei sei, weil es über Jahre keine entscheidende Veränderung gegeben habe. Wozu sollte es die auch UNBEDINGT geben? GNOME war derart konfigurabel, daß man völlig verschiedene Dinge daraus basteln konnte, ohne Entwickler spielen zu müssen! Und was kann man an “GNOME” 3 basteln? Bei 3.0 überhaupt nichts, und bei 3.2 immer noch weniger als bei LXDE! Was bitte schön ist also der Einheitsbrei?…
    Sicher, man wird mir sagen: Dann wechsele doch zu XFCE wie Linus oder zu LXDE! Das ist allerdings eher ein dummer Ratschlag, denn wirkliche “Ersatz”-Desktops für den geliebten, alten “Stinkefuß” können diese nie und nimmer sein! Ich habe nichts gegen Veränderungen, auch nicht an der GNOME Shell, ABER: Zum einen sollten Veränderungen ausschließlich Verbesserunen und nicht Verschlechterungen sein! Und zum anderen sollte man, wenn man schon etwas derart verändert, daß es nicht wiedererkannt wird, diesem Kind einen neuen Namen geben. “GNOME” 3 ohne Fallback-Modus ist nicht weniger verschieden von GNOME 2.30 als Unity. Das ist kein GNOME, sondern ein vollkommen anderer Desktop. Wer den mag, soll ihn ja auch ruhig nehmen. Aber warum muß man uns deshalb den lieben Zwerg stehlen? Und wenn man dann auch noch die herablassenden Beiträge einiger Blogger bzw. Kommentatoren liest über die Versuche, z.B. des Mint-Teams, den Wicht irgendwie vor dem Meuchelmord ohne Not zu retten, dann kommt mir der Kaffee hoch! Für wen ist denn eine Linux-Distro da? Für unsereins anscheinend nicht mehr!

  • Oscar alias xpenguin

    War mir klar, daß da keine Antwort kommt. Echte Argumente sind nun mal unschlagbar. Meine Fragen stehen immer noch im Raum. Wäre es nicht viel sinnvoller gewesen, man hätte gnome-appearance-properties an den Dreier-Kernel angepaßt? Doch das war nicht gewollt. Dem User SOLLTE ein Einheits-Desktop aufgezwungen werden. Wahrscheinlich, weil man glaubte, der Desktop-PC werde bald von iPad-ähnlichen Fast-Nichts-Könnern abgelöst. Apple hat damit ja einen Haufen Kohle gescheffelt, ohne daß man eine halbwegs vernünftige Erklärung dafür haben könnte. Aber ganz so schlimm wird es dann wohl doch nicht. Wenn es keine revolutionäre Erfindung gibt, die den Desktop-PC wirklich ersetzen könnte, dann sollte man echt über ein GNOME 4 nachdenken, das keine Tablet-PC-Oberfläche hat, sondern eine konfigurierbare und bedienbare…
    Meine Mail hast du ja. Vielleicht privat, wenn schon nicht hier?

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